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Über die Anfänge des Tourismus in Uelsen

"Wir sitzen hier in diesem Gasthaus und trinken eine Tasse Kaffee. Eine reizend schöne Landschaft hat Uelsen und es ist eine Lust zu wandern..." schrieb Frau Lehrer Lange aus Nordhorn an einem Sommertag des Jahres 1917, als sie sich anläßlich der Beerdigung eines entfernten Verwandten in unserem Ort aufhielt und diese Gelegenheit zu einem Kartengruß an ihren Sohn Wilhelm nutzte.

Bestimmt nicht das erste Mal und ganz sicher nicht das letzte Mal, dass einem auswärtigen Gast der besondere landschaftliche Reiz Uelsens auffällt. Gewerbsmäßigen Tourismus und den Begriff Fremdenverkehr gab es damals noch nicht, Fremde haben allerdings im Laufe der Geschichte schon immer zum zentralen Marktort Uelsen dazugehört. So kamen z. B. zur Zeit der Christianisierung die irischen Mönche und in der vorreformatorischen Zeit pilgerten Wallfahrer hierher um an bestimmten Tagen die Kirche zu besuchen und Spendenopfer zu entrichten. Uelsen als Wallfahrtsort ein interessanter Akzent der lokalen Geschichte, belegt durch eine im Jahr 1327 in Avignon ausgestellten Urkunde.

Mehr als dreißig Fuhrwerke

Zu den Fremden gehörten auch die Händler und Kaufleute, ausländische Soldaten im Kriegsdienst und allerlei "fahrendes Volk", ebenso die wandernden Saisonarbeiter (Pikmäijer) und zahllose Fuhrleute, die Waren und Handelsgüter auf dem alten Verkehrsweg von Zwolle über Vennebrügge in die Grafschaft und angrenzende Gebiete transportierten. In einem Bericht aus dem Jahr 1750 heißt es:

"von vennebrugge gehet auff hier, gerade durch Ulsen, NB alwo die Fuhrleute des Mittags gemächlich ihre Pferde futteren, wodurch Ulsen vieles profitiert und fast alle Tage ihre Nahrung davon haben, und zwaren wohl täglichs 10, 20, 30 und mehr wagen alda passiren ... und ihr geldt verzehren."


In Uelsen wusste man an den Reisenden Geld zu verdienen. Die ersten Erholungsuchenden erscheinen wohl erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Tourismus, wie wir ihn heute kennen, gab es lange Zeit nicht. Als einer der ersten Urlaubsgäste kann ein gewisser Professor Dr. Degner aus der fernen Reichshauptstadt Berlin gelten. Er war Leiter der Trigonometrischen Abteilung der Preußischen Landesaufnahme und trug am 12. August 1920 in einem ausführlichen Brief dem damaligen Ortsbürgermeister W. A. Jacobs ein höchst aktuell klingendes Anliegen vor: "Mit einiger Wahrscheinlichkeit werde ich Anfang September eine kurze Dienstreise nach dem nordwestlichen Deutschland ausführen und es kommt mir der Gedanke, in meinem reichlich abgearbeiteten Zustande einige Tage der Erholung an einem stillen Fleckchen Erde daran anzuschließen. Das friedliche Uelsen habe ich in angenehmster, wehmütiger Erinnerung. Nun möchte ich die bescheidene Anfrage an sie richten: Ist in Uelsen eine Familie darauf eingerichtet, für etwa zehn Tage einen Sommergast aufzunehmen? Vielleicht entschließt sich meine Frau, mich zu begleiten." Zu jenen Zeiten war es nur den gehobenen Gesellschaftsschichten vorbehalten, Urlaubsgedanken zu pflegen.

Es ist überliefert, dass Uelsen als eine Art Künstlerkolonie in den 20er und 30er Jahren gelegentlich auswärtige Maler anzog, die sich bei der Suche nach geeigneten Motiven von der Uelsener Landschaft inspirieren ließen. Gaststätten mit Übernachtungsmöglichkeit gab es übrigens in genügender Anzahl.

Einige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg setzte dann auf breiter Ebene erstmalig eine Diskussion darüber an, wie sich das Dorf zu einem eigenständigen Fremdenverkehrsort entwickeln könne. Man rief einen Verkehrs- und Verschönerungsverein unter dem Vorsitz von Arnold Engbers ins Leben. Als Freizeitangebot mit starker Außenwirkung bot sich das neue Waldbad an, einige Dutzend an geeigneten Plätzen in der Landschaft aufgestellte Ruhebänke sollten zusätzlich zum Ausdruck bringen, dass sich Uelsens Umgebung ideal zum Wandern eigne. Ein Schaufensterwettbewerb der heimischen Geschäftswelt sollte das Interesse am Ort bzw. das Kaufinteresse der Kunden wecken und als spektakuläre Großveranstaltung machte im Jahr 1953 die mit erheblichem Aufwand geplante und durchgeführte "Uelser Heidewoche" in der ganzen Grafschaft von sich reden. Geschätzte 15000 Besucher vermeldeten die Grafschafter Nachrichten anschließend. Ebenso viele Menschen hatten sich trotz insgesamt ungünstiger Witterung in den Sommermonaten vom Waldbad anlocken lassen. Im gleichen Jahr fanden sich 6000 Grafschafter am 1. Mai auf dem Steenebarg ein, um dem Reitturnier des Niedergrafschafter Reit- und Fahrvereins beizuwohnen. 40000 Gäste hätten Uelsen im Jahr 1953 besucht, verkündete Bürgermeister Aalderink am Jahresende nicht ohne Stolz.

"Dieses Ländchen läßt keinen mehr los..."

Schon im Jahr 1950 hatte man die große Anziehungskraft des Ortes genutzt, als hier die erste Kreistierschau nach dem Krieg Tausende Besucher aus allen Orten des Landkreises anlockte. Heute vor fast 50 Jahren forderte der Bürgermeister die Errichtung einer Jugendherberge. Die ließ allerdings noch ein paar Jahre auf sich warten. Im Winter machte man sich Gedanken über eine Eislaufbahn es wäre übrigens die erste in der Grafschaft und dem angrenzenden Emsland gewesen. Gern ließen sich die Einheimischen an einen von dem verstorbenen Rektor und Vorsitzenden des Grafschafter Heimatvereins Heinrich Specht geprägten Satz erinnern, der auf ihre Wohngegend gemünzt war: "Dieses Ländchen läßt keinen mehr los, dem es sich in seiner ganzen Schönheit offenbarte." Stimmen wurden laut, die Landschaft um das Wolsterbachtal und das Uelser Holt unter Schutz zu stellen und selbst die Idee einer Umgehungsstraße in der Linienführung der heutigen ziemlich ähnlich wurde laut ausgesprochen. Als Indiz für die vorherrschende Stimmung kann auch gewertet werden, dass die Uelser die ersten Grafschafter waren, die sich um den Erhalt ihrer Windmühle kümmerten. Bei all dem Eifer passierten -aus heutiger Sicht gesehen- auch Fehler. So opferten die Uelser trotz der warnenden Stimme des ehemaligen Bürgermeisters F. Hölter ihren uralten Marktplatz vor dem Kirchturm, indem sie dem Geist der Zeit entsprechend mitten darüber einen von Hochbordsteinen umsäumten Abstellplatz für Automobile anlegten. Damit war das Ende der Märkte in der Ortsmitte endgültig besiegelt.

Eine Vielzahl von Freizeiteinrichtungen, von denen die Gemeinde auch heute noch profitiert, hat ihren Ursprung vor einem halben Jahrhundert in einer Zeit des Aufbruchs mit hohen Erwartungen an die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs.

Geert Vrielmann-Jacobs                  


Ein Beitrag von Geert-Vrielmann Jacobs. Eingesandt am 19.03.2002. Dieser Beitrag erscheint auch als Vorwort im VVV Kalender 2002.

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Erstellt: 19.03.2002, letzte Änderung: 11.07.2005    www.Uelsen-und-Umgebung.de